zurück Übersicht weiter

Seltsame Wetterlage über  Qala'at er-Rahba

Teil 8: Syrien, am Euphrat lang

Donnerwetter! So nett wurden wir noch nie an einer Grenze willkommen geheißen! Der syrische Zöllner kam doch tatsächlich mit einem Lachen im Gesicht in den Bus herein und kraulte mich freundlich am Hals! Da war ich platt! Den konnte ich gut leiden! Ich hätte ihm gerne noch Tee und einen Hundekuchen angeboten, wie sich das so gehört in arabischen Ländern, aber er war dann zu sehr mit dem Papierkram beschäftigt um uns eine schnelle Abfertigung zu ermöglichen. Im Übrigen war die Grenze ziemlich ulkig. Wir fuhren auf der holperigen Ortsdurchfahrtsstraße durch die letzte Siedlung der Türkei, an deren Ende sich der Grenzübergang nach Syrien befinden sollte. Statt der Grenze kam eine T-Kreuzung und aus war's mit geradeaus. Steffi bog rechts ab und landete auf wenig einladendem Terrain. Hier sah es wirklich nicht nach Grenzstation aus. Micha meinte, Steffi solle mal Abendstimmung in Syrien mit Syrern, einem Moped und mir nicht auf den Güterbahnhof fahren, sondern zurück und links zur Grenze abbiegen. Steffi dagegen wollte erst die beiden Polizisten fragen, die gerade in der Mitte einer riesigen Schotterfläche ein Schwätzchen hielten. Die meinten dann mit Händen und Füßen, dass wir schon ganz richtig wären. Über die Schienen rüber und direkt dahinter dem Mann mit Tarnanzug und Kalaschnikow Guten Tag sagen... Der Herr in grün-braunem Anzug, Springerstiefel und Abendstimmung mit typisch syrischem Fahrzeug Stahlhelm hieß Mustafa und wollte sich mit unseren Menschen ein wenig unterhalten, denn die syrische Grenze würde erst in einer halben Stunde wieder öffnen, da Mittagspause... Kaum hatte er mühsam auf Englisch seinen Satz fertig formuliert, ging ein sehr unscheinbares Tor mit der Aufschrift "Gümrük" auf und wir wurden herein gewunken. Steffi schloss auf Michas Anordnung alle Fensterjalousien. Micha war sich immer noch nicht sicher, ob die Information eines Bekannten, Hunde dürften nicht nach Syrien einreisen, richtig sein könnte... Er wollte auf alle Fälle vermeiden, dass einer von uns Anlass bekam zu kläffen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Während sich unsere Menschen in kleinen, herunter gekommenen Büros diverse Stempel abholten, hielten wir ein Schläfchen. Bald ging das nächste, schmale Tor auf. Steffi zirkelte den Bus plus Hänger hindurch und stand schon wieder vor einem geschlossenen Tor. Auch hier ging alles schnell und  schon befanden uns, anders als sonst, nicht auf einem großen Stück Niemandsland, sondern ziemlich direkt vor dem Tor zu Syrien. Auf der einen Seite hing ein Bild von Atatürk, auf der anderen eines von Assad... Irgendwie kam man sich vor, als ob man hier zuerst in einen abgeschlossenen "Gefängnishof" gelotst, untersucht, und dann eventuell eingesperrt oder durch gelassen wird... Naja, sehr freundlich ging es hier auf jeden Fall zu - und flott! Laut Steffis Beschreibung war der anschließende Aufenthalt in den syrischen Büros ein Abenteuer für sich! Vorbei an einigen wartenden Arabern wurden sie in ein "Büro" gewunken. Hier gab es außer zwei gänzlich undurchsichtigen, vergitterten Fenstern und einem uralten, metallenen Schreibtisch genau vier Betten aber keinen einzigen Stuhl...
Das Fenster zum Warteraum wurde einem dunkelhaarigen Mann mittleren Alters vor der Nase zugehauen und erst mal den Europäern ein extra starker Kaffee kredenzt. Bitte Platz nehmen! Mangels Stühlen saßen sowieso alle auf den Betten und machten Eintragungen in überdimensional große Bücher, also nahmen auch Micha und Steffi Platz. Nach einem Kaffee und Smaltalk ging alles ganz flott und wir reisten mal wieder nach Syrien ein! Onkel Ari meint, das es das vierte Mal für ihn und Tante Kira wäre... Na, für mich immerhin schon das zweite Mal. Alles Routine! Eine mondäne Moschee in Raqqa
In Syrien wollte sich Steffi einiges ansehen - Micha auch. Bei Micha waren es aber wohl eher die Durchgangsstraßen und deshalb gab es erst mal einen kleinen Zoff, worauf hin wir dann über Ar Raqqa gen Osten bis kurz vor die irakische Grenze fuhren. In Ar Raqqa gab es eine brandneue, mondäne Moschee zu besichtigen, die sich Steffi allerdings wegen dem Sack, den man ihr über den Kopf ziehen wollte (ihre Worte!) nicht von innen angesehen hat. Gegenüber konnte man Reste der Stadtmauer und und ein altes Tor (Bagdadtor genannt, 9. Jahrhundert u.Z.) begutachten und einige hundert Meter weiter ein "Mädchenschloss" aus dem 13. Jahrhundert u.Z.. Ich glaube, so richtig vom Syrischer Hund mit Fahrer Hocker gehauen hat das alles unsere Menschen nicht. Wenn die Sonne nicht so richtig scheint, haben sie sowieso gleich viel weniger Freude an den Dingen. Tante Kira meint, dass das einfach daran liege, dass bei trübem Himmel die Fotos nix werden.
Wir fuhren über den Euphrat, der mich ehrlich gesagt auch nicht viel mehr beeindruckte als etwa der Neckar oder die Donau in Deutschland. Ein Fluss eben. Etwa 45 km weiter am Euphrat entlang gelangten wir zu einer ziemlich zernagten Burg, wo wir übernachten wollten, weil es schon Zeit für Abendessen war. Anders als auf der Karte war die Straße von Dörfern gesäumt. Man könnte schon fast sagen, die ganze Straße lang war ein Dorf. Auf alle Fälle waren hier viel mehr Esel als Autos unterwegs. Viel mehr! Wahrscheinlich, weil diese nicht so viel Probleme mit den Schlaglöchern haben... Es waren auch unheimlich viele verschleierte Frauen auf der Straße, aber beinahe alle hatten einen Esel unter dem Hintern. Selber laufen scheint hier nicht schick zu sein. Ich sah auch Leute auf Fahrrädern, die allerhand transportierten. Ein junger Syrer saß auf seinem Rad und zog ein Pferd hinter sich her. Ein anderer versuchte ein Kalb, das sich heftig weigerte, über den frischen Teer zu schieben. Und ein kleiner Junge zog enorm stolz einen neongrünen Spielzeugtrecker hinter sich her - sicher das neueste Modell!
An der Burg, auf der Hochebene, waren wir ganz alleine und hatten eine atemberaubende Aussicht auf die Burg und das dahinterliegende Flachland. Bald jedoch bekamen wir Besuch von neugierigen Syrern, die sich mit ihren Gefährten allerdings in meiner Fotosammlung ganz gut machten. (Siehe oben) Sogar ein syrischer Hund kam um Hallo zu sagen und brachte gleich seinen Fahrer und ein Moped mit! Was mir an dem Moped sehr komisch vorkam war, dass es so stark nach Schaf roch. Der Sache musste ich natürlich auf den Grund gehen! Leider wurde ich enttäuscht. Es hing keine Keule daran, es war nur ein Fell auf die Sitzbank gespannt, um sie bequemer zu machen - ja, Hund liebt es bequem!
Als endlich Feierabend war und alle gegangen, legten wir uns wie gewöhnlich zum Schlafen hin. Bis zwölf in der Nacht schliefen wir tief und fest. Um fünf nach zwölf klopfte die Polizei an die Tür. Steffi war so tief in den Träumen, die hätte das alles nur in ihre Geschichten eingebaut und weiter geschlafen! Micha aber sprang auf und fragte, sobald er uns zum Schweigen gebracht hatte, was los wäre. "Übernachten geht hier nicht!" Waaas? Mitten in der Nacht geht das plötzlich nicht mehr? Was soll der Scheiß? Steffi war noch immer völlig ungerührt und träumte weiter. Micha war mittlerweile angezogen und stand - das konnte ich durchs Fenster im Scheinwerferlicht sehen - vor vier Polizisten. Nach längerem hin und her saß er dann am kurzerhand vor unserem Bus entfachten Lagerfeuer auf einem Klappstuhl und mampfte eine Pitarolle in sich hinein. Musik drang von draußen rein und als Micha die Bustür Onkel Ari vor einer antiken Hundehütte in Dura Europosauf machte um Kamera, Stativ und Pullover zu holen, kam auch ordentlich kalte Luft rein. Nein, ich wollte wie Steffi lieber im kuscheligen Bus liegen bleiben. Was zur Hölle er mit Kamera und Stativ mitten in der dunklen Nacht machte, erfuhren wir am nächsten Morgen. Die Polizisten hatten kurzerhand alle verfügbaren Informationen wie Grenzübergangsort und -zeit, zurückgelegte Strecke und Passnummer, über uns eingeholt und beschlossen telefonisch eine Sondergenehmigung zur Übernachtung an diesem Ort zu erwirken. Dafür saß Micha aber die halbe Nacht schlotternd (morgens um sieben hatte es gerade mal plus 10°C) auf einem Klappstuhl am Feuer und diskutierte mit den vier Polizisten über die Probleme im Nahen Osten und im Irak.
Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer. Wir fuhren weiter am Euphrat entlang bis nach Dura Europos oder Salihiye, das sich Onkel Ari von innen anschauen durfte. Nach Michas Beschreibung war mal wieder alles zerfallen und Interessantes abtransportiert... Auch der Reiseführer sprach vom Blick auf den Euphrat als Höhepunkt und dass so einiges an Malereien im Museum in Damaskus zu bewundern wäre. Onkel Ari hat aber mal wieder einen Beweis für die Wichtigkeit von uns Hunden in allen Epochen der Geschichte gefunden: Eine antike Hundehütte!
Draußen auf dem Parkplatz war es weniger lustig, weil wieder eine Horde Kinder aus dem Nichts, aus der weiten Wüste auftauchten und Hunde ärgern wollten. Waren wir froh, als unsere Menschen wieder auftauchten und die Kinder zusammenstauchten!
Mari lag als letzte Sehenswürdigkeit am Euphrat vor uns. Dort trafen wir doch tatsächlich vier Leute aus unserer Stadt in Deutschland! Sie gingen sogar teilweise auf die gleiche Schule. Micha maulte trotzdem, und war nicht glücklich mit dem was er zu sehen bekam, auch nicht als ihm Steffi vor las, dass es sich hier um Ruinen handele, die zweieinhalbtausend Jahre älter als jene von Dura Europos wären. Wieder nix zum fotografieren! Alles im Nationalmuseum oder in Paris im Louvre. Geblieben sind die Lehmmauern, die wenig fotogen unter einem Kunststoffdach vor sich hin dörren. 25 000 Tontafeln sollen hier gefunden worden sein und weltberühmte Statuen aus Gipsstein und Bronze mit Augen aus Lapislazuli! Nun, dann müssen wir wohl wenigstens nach Damaskus uns Museum fahren!

zurück Übersicht weiter

Copyright Stefanie Möhrle + Lara